Skandal um Paolinos Außenalster-Phantasien

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Paolo Cherchi und Schauspieler Götze George
Paolo Cherchi und Schauspieler
Götze George

Seit Jahrzehnten war "Paolino" eine der angesagten Adressen an der Außenalster. Der Restaurant-Pavillion schwamm auf dem Wasser in Höhe der BAT-Verwaltung an der Straße Alsterufer, hatte eine herrliche Aussicht auf das gegenüber liegende Ufer, die Straße An der Alster mit ihrem silhoutten-bestimmenden, weißen Atlantic Hotel und erfreute sich durchaus unterschiedlicher Reputation. An der sprichwörtlichen Herzlichkeit des kleinwüchsigen Patrons, des Namensgebers Paolino, gab es nie den geringsten Zweifel.

 

Paolino, der erste gastronomische Erfahrungen gesammelt hatte als Kellner in Hamburgs ältestem "Italiener" Cuneo an der Davidstraße, war immer und in erster Linie ein Marketing-Genie des alten germanischen Traums von der südländischen Herzlichkeit: Jeder Gast, gleich, ob Stammgast oder Neuankömmling, musste das Gefühl haben, ein langjähriger Intimus des Wirtes zu sein. So wurde er empfangen und begrüßt, alle Spielarten italienischer Warmherzigkeit umfluteten den Gast wohlig. Der freundschaftliche Händedruck war selbstverständlich, die Umarmung war normal, meist aber fiel diese länger aus, ein familiär-liebenswürdiges Wort war bei Paolino das mindeste an Willkommensgruß - in einer Welt betriebswirtschaftlich geprägter Effizienz im Zeichen der "Systemgastronomie". Damit hatte Paolino nie etwas zu tun. Sein Laden war zwar groß, aber es blieb der "Italiener", zu dem man vor allem ging wegen der Atmosphäre und der im kühlen Norden besonders oft entbehrten "Herzlichkeit".

Die Atmosphäre war besser als das Essen

In den siebziger Jahren zog das damals große und bekannte Verlagshaus Gruner + Jahr mit seinem seinerzeit schon richtig berühmten STERN mit Chefredakteur Henri Nannen - auch heute wäre der barocke Blattmacher mit seinem unverstellten Spaß an Essen und Trinken selbstverständlich ein gesuchter "Prommi" - in die unmittelbare Nachbarschaft von Paolino, und aus dieser gegenseitigen Nachbarschaft entwickelte sich ein ganz besonderes, freundschaftliches Verhältnis. Nannen in schwelgender Pose im Kreise mitfeiernder Kollegen und Freunde zierte noch lange nach Nannens Tod die Speisenkarte bei Paolino. Vor allem auch durch diese besonderen Umstände entwickelte sich Paolino rasch zu einer speziellen Adresse. Er hatte als ungelernter Wirt den Durchbruch geschafft, was umso erstaunlicher war, als seine Kochkünste nicht nur erheblichen Schwankungen ausgesetzt waren. Wer zu Paolino ging, wusste, dass die Begrüßung sehr viel zuverlässiger ausfiel als alles, was anschließend auf dem Teller landete, eigentlich ungewöhnlich für einen "Italiener". Aber bei Paolino gab es nicht nur wohltuende Atmosphäre, bedenklich überraschende Kücheneindrücke, sondern vor allem auch immer wieder jede Menge Prominenz. Wer an bestimmten Tagen zu Paolino auf den Ponton ging, konnte fast sicher sein, ein oder zwei stadt-, wenn nicht sogar landesbekannten Gesichtern zu begegnen. Das war der Marketing-Mix, der Paolino zu "Paolino" machte.

Inzwischen hat sich Hamburgs Gastronomie völlig neu erfunden. Nicht nur die erstklassige, sondern auch die gehobene und Alltags-Gastronomie räumte mit dem einst begründeten Vorurteil auf, in Hamburg, wie überhaupt im Norden des Landes, könne man außer Labskaus und Sauerfleisch eigentlich nichts zu sich nehmen. Von dieser Änderung wurde Paolino küchentechnisch voll erwischt. Von dem hatte er einfach nichts mitbekommen. Gleichzeitig lief sein Pachvertrag aus. Der wurde neu ausgeschrieben und ging an einen italienischen "Kollegen", der nach einer millionenschweren Investition auf dem alten Ponton inzwischen das "Portonovo" betreibt, und das durchaus nach modernen Maßstäben gehobener Küche.

Der liebenswürdige Paolino nähert sich zudem altersbedingt der "gesetzlichen Altersgrenze", was ihn jedoch nicht ruhen und rasten lässt. Allein oder mit guten Freunden, die offenbar auch im zuständigen Bezirksamt hervorragend vernetzt sind, stellte er - Motto: Man kann es ja zumindest mal versuchen - den Antrag, einen weiteren, zusätzlichen Gastronomie-Ponton bauen zu lassen, und das ausgerechnet auf Hamburgs Ikone, der Außenalster. Standort sollte das kleine Stück Grünfläche werden zwischen der Straße Alsterufer und der Kennedy-Brücke.

Eine Baugenehmigung schlug Wellen

Das alles geschah natürlich nicht gerade öffentlich. Die ausgeprägte Empfindlichkeit großer Teile der Bevölkerung in der Stadt bezüglich der weltberühmten, wunderschönen Alsterlandschaft ist natürlich auch dem Bezirksamt bekannt, weshalb "das große Rathaus", nämlich die zuständigen Fachbehörden schon früh mit der Anfrage konfrontiert wurden. Im Bezirksamt selbst hielt man die Einsprüche für praktisch vorprogammiert. Die kamen aber nicht. Deshalb erhielt Paolino vom zuständigen Bezirksamt nach sehr intensiven, mit den Fachbehörden abgestimmten Prüfungen die Bauvorabgenehmigung, die allerdings, nachdem sie bekannt wurde, nunmehr Wellen schlägt. Paolinos tradierte Szene gibt es schon lange nicht mehr, die Restaurant-Szene der Stadt ist eine komplett neue, und die Küchenkünste des früheren Paolino verdienen, rasch vergessen zu werden. Auch Paolino selbst unterliegt biologischen Gesetzmäßigkeiten. Um den Erhalt einer Existenz kann es demnach nicht mehr gehen. Auch ein Gebäude, das früher einmal an derselben Stelle gestanden haben soll, wo Paoline jetzt bauen will, kann doch als Begründung nur ein Witz sein. Was also das Bezirksamt letztlich bewog, diese mutige Erlaubnis zu erteilen und die Fachbehörden ritt, hier nicht sofort Einspruch zu erheben, bleibt bis zur Stunde in jeder Hinsicht nicht nur ein Rätsel.

Wie ist die Stellungnahme des Denkmalschutzes?

In Hamburg kann der Senat, das Rathaus, jede Entscheidung der Bezirksämter wieder auf die Schreibtische der zuständigen Fachbehörden holen, wenn Gesamtbelange der Stadt berührt sind. Dass hätte für den Fall einer zusätzlichen Bebauung oder Flächenbeanspruchung ausgerechnet der Außenalster selbstverständlich sofort und nachhaltig passieren müssen. Dem in vieler Hinsicht rätselhaften Antrag von Paolino werden nunmehr, selbstverständlich weitere folgen. Wie nach dem jetzigen Stand der Dinge noch objektiv entschieden, womöglich sogar abgelehnt werden soll, bleibt unklar. Noch bleibt die Hoffnung, dass die unter neuer politischer Verantwortung arbeitende Bau- und Umweltbehörde die unbegreifliche Entscheidung des Bezirksamtes gründlich überprüft. Auch die offizielle Stellungnahme des Denkmalsschutzes sollte öffentlich werden. Denn dass hier eine neues Geschäft entsteht in Hamburgs wertvollstem, geschützten Landschaftsbild ist kann nicht mit einem einfachen Bauantrag erledigt sein.

Paolino hat tatsächlich so etwas wie Gastronomie-Geschichte geschrieben in einer damals noch etwas anderen Stadt. Aber sein neues Vorhaben ist glücklicherweise jetzt öffentlich geworden und muss gestoppt worden. Alles andere würde das Verständnis der Bevölkerung auf eine harte Probe stellen. Die weitergehende Bebauung der Außenalster-Fläche wäre somit endgültig eingeleitet worden - und das im Zeitalter von Umwelt- und Naturschutz! Was aus solchen Ausnahmen wird, kann am Beispiel des Pontons studiert werden, auf dem Paolinos Nachfolger jetzt gerade wieder neu angefangen haben: Die Erlaubnis, diesen Ponton zu betreiben, geht auf einen Behördenbescheid aus den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts zurück. Das Zweck war die Förderung des Segelsports. Und nicht die Grundlage zur Errichtung gleichsam ewiger, wachsender, sich nunmehr vermehrender Restaurationsbetriebe,

Jacob Penfold

 


Kommentar:

Mehr als ein Skandal?

Der "Paolino" -Beitrag zeigt und beweist, wie sehr wir in Hamburg aufpassen müssen, dass über die Interessen der Stadt und ihrer Menschen hinweg keine Entscheidungen fallen, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können.

Geht es hier um einen Neuauflage von Filz, lediglich um Dummheit oder vielleicht sogar um Korruption?

Wie kann ein Bezirksamt eine Baugenehmigung in dem empfindsamsten Gebiet unserer Stadt erteilen, ohne vorherige Genehmigung von Stadtentwicklung und Denkmalschutz? Es ist mehr als unglaublich, dass in dieser wunderschönen Stadt Hamburg von uns bezahlte und angeblich in unserem Interesse tätige Menschen diese derart beschädigen wollen - um einer neuen, höchst überflüssigen Gaststätte wegen!

Welche Partei, welcher Politiker ist dafür eigentlich zuständig, bzw. übernimmt für diese Posse die Verantwortung? Hier müssen Ross und Reiter genannt werden. Die Bevölkerung hat ein Recht zu erfahren, wie so etwas läuft. Wenn der Fall nicht lückenlos aufgeklärt wird, werden wir eines Tages McDonalds mitten auf der Alster erleben - und keiner will es gewesen sein.

Guten-Morgen-Hamburg.de bleibt an diesem Skandal dran, weil wir diese Stadt lieben.

Um Aufklärung wird gebeten!

Jürgen Hunke





Das sagt das Denkmalschutzamt:
Am 17. November 2008 wollte Guten-Morgen-Hamburg vom  Leiter des Denkmalschutzamtes, Frank Pieter Hesse, folgendes wissen:

1) Wie sieht die Stellungnahme des Denkmalschutzes in dieser Angelegenheit aus?
2) Warum ist sie bisher nicht veröffentlicht worden?
3) Oder gibt es von seiten des Denkmalschutzes gar keine Meinung zu dem Vorfall? Wenn dem so ist, warum ist das so?


Am 21. November 2008 erhielten wir folgende Antwort:

Hiermit leite ich Ihnen die Antwort des Denkmallschutzamtes auf Ihre Anfrage vom 17. November weiter.

1.Das Denkmalschutzamt sieht die Entscheidung des Senats, das Genehmigungsverfahren noch einmal zu prüfen, mit großer Freude. Eine Baumaßnahme an dieser Stelle hätte aus der Sicht des Denkmalschutzamtes hoch problematische Auswirkungen auf das Stadtbild und das Bild der Außenalster.

2. Das Denkmalschutzamt hat bislang keine öffentliche Stellungnahme dazu abgegeben, weil es sich bei der Außenalster resp. den Grünanlagen an der Kennedybrücke nicht um ein geschütztes Denkmal im Sinne des Denkmalschutzgesetzes handelt. Die Bewahrung des Stadt- und Landschaftsbildes ist nicht vornehmlich Aufgabe des Denkmalschutzamtes, sondern der planenden Verwaltung nach Baugesetzbuch und Naturschutzgesetz.

Mit freundlichen Grüßen
Ilka v. Bodungen
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Pressesprecherin für Kultur und Medien
Behörde für Kultur, Sport und Medien
Hohe Bleichen 22

 


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